Adel
der
Altmark

Bedeutende
Personen

Graf Matthias Johann v.d. Schulenburg

Abenteurer, Feldherr, Diplomat

Graf Matthias Johann v.d. Schulenburg, Sohn des Gustav Adolf, Feldmarschall, auf Emden, Detzel
geb. 8.8.1661 zu Emden, gest. zu Venedig 14.3.1747

Matthias genoß den ersten Unterricht durch Privaterzieher, besuchte 1676 die Schule in Magdeburg und kehrte 1677 ins elterliche Haus zurück. Achaz v. Bismarck beschreibt 1856, daß die Verhältnisse dieses Zweiges der Familie durch den 30jährigen Krieg so heruntergekommen waren, daß seine Mutter ihm nur einen Degen und einen Dukaten geben konnte, um damit in der Welt sein weiteres Glück zu suchen. 1680 ging er mit seinem Bruder Daniel Bodo auf die Universität nach Saumur in der Bretagne und 1683 nach Paris. Die Hauptgegenstände seiner Studien waren die lateinische und die französische Sprache sowie die Mathematik, in denen er sich gründliche Kenntnisse erwarb. Zurückgekehrt in die Heimat wurde er 1685 mit einem jährlichen Gehalt von 150 Rthl. Kammerjunker am Herzoglichen Hof zu Wolfenbüttel. Einige Jahre darauf trat er gegen den Wunsch seines Vaters, und wie es scheint auch entgegen seinen persönlichen Neigungen, geneinsam mit seinem Bruder Daniel Bodo in den herzoglich braunschweigischen Kriegsdienst. Zuerst diente er als Freiwilliger in Ungarn. Bald darauf fand er Geschmack am Kriegsleben und beschloß, sich ganz zum Soldaten auszubilden. Dazu diente ihm besonders der Krieg gegen König Ludwig XIV. 1688-97, in welchem er den Grund seiner künftigen Größe legte. Die Belagerungen von Mainz und Bonn 1689 gaben ihm Gelegenheit, den Festungskrieg kennenzulernen, worin er sich später große Lorbeeren erwarb. 1690 wurde er Major und 1693 Oberst eines Braunschweigischen Dragonerregimentes. Bei mehreren Gelegenheiten zeigte er sein militärisches Talent. Aber nicht nur als Soldat füllte er seinen Platz aus, sondern er wurde auch während des Krieges zu vielen diplomatischen Sendungen gebraucht. Besonders bedienten sich seiner die Herzöge von Braunschweig-Wolfenbüttel, um die Verhandlungen von Braunschweig-Lüneburg zur Erlangung der Kurwürde zu hintertreiben. So weilte er an verschiedenen deutschen Höfen, in London und in Paris. Er entwickelte bei dieser Gelegenheit ein nicht unbedeutendes diplomatisches Geschick. Im Sommer 1697 war er bei den Friedensverhandlungen zu Ryswick zugegen. Hier wurde er duch den sardinischen Gesandten angeworben, 1697 als Generalmajor in sardinische Dienste zu traten und ein deutsches Inf.-Regiment für diesen Dienst anzuwerben. Da der Herzog von Savoyen an dem Spanischen Successionskriege zu Gunsten Frankreichs teilnahm, rückte auch er ins Feld und wurde in dem Treffen von Chiari gegen Prinz Eugen am 1.9.1701 verwundet. Nach seiner Wiederherstellung verließ er den Savoyischen Dienst, hauptsächlich weil er nicht die französische Sache gegen Deutschland vertreten wollte. Er trat als General-Leutnant 1702 in Sächsisch-Polnische Dienste und erwarb sich in den Feldzügen gegen Karl XII. von Schweden bedeutenden Ruhm. Von allen in diesen Kriegen tätigen Feldherren war keiner, der ihm an Umsicht und Taktik an die Seite gestellt werden konnte. In der Schlacht bei Klissow 19.7.1702 befehligte er das Zentrum der Sächsischen Armee unter Steinau. Die vielfachen Fehler des Oberanführers wurden durch seine Umsicht so weit wie möglich unschädlich gemacht oder doch gemildert.
Matthias Johann erhielt den Oberbefehl über ein 8000 Mann starkes Hilfsheer, daß König August dem Kaiser zur Verfügung stellte. Als die Sachsen dem Heere des österreichischen Grafen v. Styrum, das den Franzosen und Bayern bei Nördlingen gegenüberstand, einverleibt wurden, war er mit den Anordnungen des Oberfeldherren unzufrieden, wie aus einem Briefwechsel mit König August und an Prinz Eugen hervorgeht. Er sah das Schicksal des Heeres voraus und beklagte sich sehr bei Prinz Eugen, daß man seinen Vorschlägen zu geringe Beachtung schenkte. Die Niederlage des österreichischen Herres unter Styrum 21.9.1702 würde noch viel gröér gewesen sein, wenn er nicht durch seine Taktik so viel wie möglich gerettet hätte. Ihn wurden daher die größten Lobeserhebungen zuteil.
König August sah sich in der Zwischenzeit in eine mißliche Lage versetzt. Im April 1704 rief er das Hilfsheer wieder zurück, um den Fortschritten Karls XII. Schranken zu setzen. Matthias fand bei seiner Rückkehr nach Polen gegen die siegestrunkenen Schweden nur mutlose, schlecht disziplinierte Truppen vor, die Anführer ohne Plan und Strategie. Und doch gelang es ihm, mit einem solchen Heer dem siegreichen, an Zahl weit überlegenen Feind nicht nur die Stirn zu bieten, sondern ihn auch zu schlagen. Ganz besonders zeichnete er sich bei der Leitung des Rückzuges der Sachsen aus Warschau bis hinter die Oder aus. Die Feldherren der damaligen Zeit priesen dies als ein Meisterstück strategischer Klugheit und auch Prinz Eugen erließ an ihn ein eigenhändiges Glückwunschschreiben. Am 7.11.1704 kam es zum Gefecht bei Puritz. Matthias zeigte außerordentliches Feldherrengeschick, indem er sich mit 4000 Mann abgematteter Infanterie und 500 Mann Kavallerie gegen 9000 Schweden erfolgreich ohne nennenswerte Verluste verteidigte. Er erhielt mehrere Wunden und lief Gefahr, gefangengenommen zu werden. König Karl selbst erkannte seine strategische Gewandtheit ruhmvoll an und erklärte sich für geschlagen.
Matthias wurde 1705 General der Infanterie und erhielt, als sein Gegner Steinau in venezianische Dienste ging, den Oberbefehl über die gesamte sächsische Infanterie. Oberbefehlshaber der Kavallerie wurde Flemming, mit dem er persönlich in keinem guten Einvernehmen stand. Mißhelligkeiten zwischen beiden hatten ein Duell zur Folge.
Nach der unglücklichen Schlacht bei Fraustadt, die am 13.2.1706 gegen die Schweden verloren wurde. versuchte man, Matthias die Schuld zuzuweisen. Den Argumenten einer Untersuchungskommission konnte er widerstehen und wurde rehabilitiert und König August entzog ihm nicht sein vertrauen. Die Erschöüfung Sachsens und die vollständige Mutlosigkeit der Truppen zwangen August am 24.9.1706 zum Frieden mit Schweden.
In den folgenden Jahren befand er sich ohne amtliche Wirksamkeit als Freiwilliger im Heere des Prinzen Eugen und des Herzogs von Marlborough in Flandern, war bei der Schlacht von Ouenarde 1708 sowie bei den Belagerungen von Gent und Lille zugegen und wurde oft zu den Beratungen des Hauptquartiers hinzugezogen. 1709 erhielt er den Oberbefehl über die gesamte Infanterie des Prinzen Eugen in Flandern und leitete die Belagerung von Tournay. Auch bei der Schlacht von Malaplaquet kommandierte er die Infanterie des Prinzen.
Als bald darauf Graf v. Flemming zum Oberbefehlshaber der sächsischen Armee ernannt wurde, bat er wegen des gestörten Verhältnisses zu Flemming um seinen Abschied. Der König gewährte ihn und entließ Matthias mit einem Gnadengeschenk von 12000 Rthl.
Seinem Wunsch, in der Kaiserlichen Armee zu dienen, wurde von Prinz Eugen, wahrscheinlich aus persönlicher Eitelkeit, nicht befürwortet. So lebte Matthias, von einigen Reisen nach Wien abgesehen, zurückgezogen auf seinem Gut Emden. 1714 begannen in Wien die Unterhandlungen mit der Republik Venedig. Matthias forderte für die Stellung als Chef sämtlicher Landtruppen Venedigs nur das, was sein Vorgänger Steinau auch erhalten hatte. Verärgert über das krämerische Verhalten der Venezianer brach er die Verhandlungen im März 1715 ab. Auf Vermittlung des Prinzen Eugen wurden die Verhandlungen wieder aufgenommen, zumal Venedig wegen der durch die Türken erlittenen Verluste zum Handeln gezwungen war. Am 15.10.1715 trat Matthias als Feldmarschall in den Dienst der Republik, wird Chef sämtlicher Landtruppen und verpflichtet sich, mindestens drei Jahre im Dienst zu verbleiben. Sein Jahresgehalt beträgt 10 000 Goldzechinen und 2 000 Zechinen Reisekosten.
Kaiser Karl VI. erhob ihn während seinen Aufenthalts in Wien mit seinen beiden Brüdern und zwei Schwestern in den Reichsgrafenstand mit vermehrtem Wappen.

 

Nachdem er die nötigen Anordnungen zum Feldzuge gegen die Türken getroffen hatte, verließ er am 2.2.1716 Venedig in Richtung Korfu, wo er am 15.2. eintraf. Die Türken hatten die Insel Korfu zum Hauptgegenstand ihnrer Anstrengungen gemacht, um in der Nähe Italiens einen festen Punkt zu haben, von wo aus sie Italien erobern wollten. Mit einem Heer von 30 000 Mann landete Kapudan Pascha am 8.7.1716 auf Korfu. Matthias v.d. Schulenburg konnte ihm nicht mehr als 2 245 Mann entgegensetzen. Ganz Europa sah den Kriegsereignissen mit den größten Befürchtungen entgegen. Matthias hatte in der Eile die Festungswerke ausbessern lassen um sie in einen erträglichen Verteidigungszustand zu versetzen. Erst am 25.7. begannen die Türken mit der Eroberung der Festung. Am 13.8. war die Zahl der Verteidiger schon auf 1500 zusammengeschrumpft, die kaum mehr in der Lage waren, die Festung zu halten. Da näherte sich eine englische Transportflotte, die gerade noch rechtzeitig 1500 Mann Verstärkung zuführte. Am 19.8. wagten die Türken den Sturm auf die Festung, ohne jedoch vorher eine Bresche geschossen zu haben. Der Angriff wurde zurückgeschlagen. Aber ein Festungswerk (Scarpon), von Matthias als entscheidend angesehen , wurde von den Türken erobert. Als einmalig in der Kriegsgeschichte gilt bis heute die Rückeroberung des Scarpons mitten im türkischen Hauptangriff. Nur damit gelang es Korfu zu halten. Aber neue Angriffe waren zu erwarten und somit waren neue Anstrengungen der Besatzung vonnöten. Marschall Matthias v.d. Schulenburg verstand es, den Soldaten neuen Mut einzuflößen und durch die schnelle Ausbesserung der Festungswerke Vertrauen zu schaffen. Am 22.8. bemerkte man große Bewegung im türkischen Lager, Kundschafter berichteten von der übereilten Einschiffung des Feindes, der alle Pferde und 64 Geschütze zurückließ. Der Sturm hatte ihm 5000 Mann gekostet, vom gesamten Heer sah kaum die Hälfte die Heimat wieder. Um den Sieg vollständig zu machen, hätte die mit portugiesischen Schiffen verstärkte venezianische Flotte die Türken angreifen müssen, aber die Chance wurde vertan. Trotzdem war der Jubel in ganz Europa groß, denn die Angst vor der türkischen Großmacht, die erst 30 Jahre zuvor Wien belagert hatte war allgemein.
Venedig erkannte Schulenburgs Verdienste um die Christenheit an und bewilligte eine Erhöhung des Jahresgehalts um 5000 Rthl. schenkte ihm einen goldenen, mit Brillanten reich besetzten Degen im Wert von 8000 Rthl. und stellte ihm zu Ehren eine Bildsäule auf Korfu auif. Glückwünsche aller Art von Fürsten und hohen Personen wurden ihm zuteil, so von König Friedrich Wilhelm von Preußen, König August von Polen, dem Kurfürsten von Mainz. Auch Prinz Eugen von Savoyen und selbst der Papst Clemens VI. schlossen sich an.
1717 und 1718 ergriff er überall mit Glück die Offensive und eroberte mehrere von den Türken besetzte Festungen. Mit dem Frieden von Passarowitz 1718 schließen die Kriegstaten Matthias v.d. Schulenburg ab.
Die folgenden Jahre waren darauf gerichtet, der Republik Venedig durch Entwicklung der inneren Kräfte eine Stellung zu geben, daß sie dem äußeren Feind stets furchtbar und wohlgerüstet erschien. Wesentlich war dabei der Ausbau der Festungen. Da er sehr auf seine persönliche Sicherheit bedacht war, nahm er in Verona einen zweiten Wohnsitz, wo er sich stets aufhielt, wenn wieder mal in der Nähe kriegerische Auseinandersetzungen stattfanden.
Als 1733 ein allgemeiner Friede herrschte und er zudem die Bürde des Alters verspürte, trug er dem Senat von Venedig seine Entlassung an. Der wollte aber nicht darauf eingehen, zumal gerade wieder ein Krieg zwischen Frankreich und Österreich ausbrach. Also wurde der Vertrag um 3 weitere Jahre verlängert. Während dieses Krieges erhielt er den Antrag, in kaiserliche Dienste überzugehen, um als Feldmarschall den Oberbefehl des österreichischen Heeres zu übernehmen, da Prinz Eugen auf Grund seines hohen Alters nicht mehr in der Lage war, diese Position auszufüllen. Matthias gab eine Errklärung dahingehend ab, daß er den Antrag unter der Bedingung annehmen wollte, wenn der Senat der Republik sowie der König von Preußen als sein Lehnsherr einwilligten. In keinem Fall werde er aber einen Schritt tun, der nur entfernt den Schein der Undankbarkeit gegen die Republik Venedig annehme. Diese Erklärung und die Gesinnung waren um so achtenswerter, als er eine große Vorliebe für Österreich hatte, die persönliche Achtung des Kaisers besaß und früher selbst den Wunsch geäußert hatte, im kaiserlichen Heere zu dienen. Der Kaiser wandte sich unmittelbar an den König von Preußen mit der Bitte, einen entsprechenden Befehl an Schulenburg zu senden, die venezianischen Dienste zu verlassen. Friedrich Wilhelm ging darauf ein und forderte seine Rückkehr. Jener antwortete: Dankbarkeit gegen Venedig verpflichte ihn, nur mit Bewilligung des Senats den Dienst zu verlassen. Der König nahm den strengen Befehl sofort zurück und überließ es dem Marschall, nach seiner Überzeugung einen Entschluß zu fassen. Nun wandte sich der Kaiser an den Senat von Venedig, seine Abgeordneten erhielten aber eine abschlägige Antwort. Trotzdem machte der Kaiser weitere Versuche, ihn für seinen Dienst zu gewinnen, So erschien Fürst Pio verkleidet in Verona, um ihn zu einer Anderung seines Entschlusses zu bewegen, doch auch diesmal blieb er seinem Entschluß treu. Der Senat von Venedig berief ihn hieraufhin im Dezember 1735 nach Venedig, und erließ am 23.12.1735 ein Dekret, das eine Aufhebung des Vertrages nich mehr möglich sei und er lebenslänglich zu den bestehenden Bedingungen im Dienst zu verbleiben solle. Ein einmaliger Vorgang in der Geschichte der Republik! Dessen ungeachtet machte sein Lehnsherr Friedrich Wilhelm zwei Jahre später den Versuch, den nunmehr 75jährigen Greis als Feldmarschall in preußische Dienste zu ziehen. Auch diesmal gab es einen abschlägigen Bescheid.
Matthias erfreute sich Zeit seines Lebens einer guten Gesundheit, erst im hohen Alter sanken die Kräfte. 1738 hatte er in Venedig eine sehr schwere Krankheit zu bestehen. 1739 wollte er der späteren Kaiserin Maria Theresia in Verona seine Achtung beweisen, wurde aber durch einen lang anhaltenden lethargischen Schlaf daran gehindert, rechtzeitig aus Venedig abzureisen. Diese Schlafsucht trat in immer kürzeren Zeiträumen auf. Gewöhnlich versagte ihm nach einem solchen Anfall die Sprache, die erst langsam wieder zurückkehrte. Die Körperschwäche nahm so zu, daß er in den letzten 8 Lebensmonaten das Bett nicht mehr verlassen konnte. Am Abend des 14.3.1747 war er der Krankeit erlegen.
Mit allerhöchsten militärischen Ehren wurde am 18.3.1747 in Verona das Leichenbegängnis abgehalten. Das Grabmal des Marschalls befindet sich im Arsenal von Venedig.

Falko Ottenberg
Hagen, im Dezember 2003